Zwei Welten in einer Stadt: wärmer und geschützter in False Bay, rauer und dramatischer auf der Atlantikseite.
Zwei Ozeane, eine Stadt — und zwei komplett verschiedene Taucherlebnisse
Wenn ich Gäste aus Deutschland begrüße, stelle ich ihnen immer dieselbe Frage: Was ist wichtiger für dich — Haie sehen, Robben-Action, Kelp-Wald, gute Sicht oder Wrack-Tauchen? Die Antwort bestimmt fast immer, auf welche Seite der Halbinsel wir gehen. Kapstadt ist nämlich keine homogene Tauchdestination. Die Halbinsel teilt die Stadt in zwei fundamental verschiedene Tauchumgebungen: die False Bay im Südosten und den Atlantic Seaboard im Westen.
Ich tauche seit Jahren auf beiden Seiten und kenne die Stärken und Schwächen in- und auswendig. In diesem Guide bekommst du einen ehrlichen Vergleich — keine Marketing-Beschreibungen, sondern das, was ich meinen erfahrensten Gästen erzähle.
False Bay: Wärmer, vielfältiger, und mit den besten Haibegegnungen
False Bay ist eine riesige, hufeisenförmige Bucht, die sich vom Kap Hangklip im Osten bis zum Kap der Guten Hoffnung im Westen erstreckt. Die natürliche Form der Bucht bietet Schutz vor dem dominierenden Südostwind, was bedeutet: Wenn der "Cape Doctor" bläst und Atlantik-Spots unzugänglich sind, funktioniert False Bay oft noch. Das ist ein praktischer Vorteil, der über eine Woche Aufenthalt hinweg entscheidend sein kann.
Wassertemperatur und Sicht in False Bay
Das Wasser in False Bay ist wärmer als am Atlantik. Im Winter liegt es bei 13 bis 16°C, im Sommer steigt es auf bis zu 20°C. Für europäische Taucher, die keine extremen Kaltwater-Erfahrungen haben, ist das ein echter Unterschied im Komfortempfinden. Die Sicht variiert stark: Von September bis Mai ist sie oft ausgezeichnet (8–15 Meter, manchmal mehr), aber von Januar bis Februar verursacht die saisonale Algenblüte regelmäßig Sichtbedingungen von drei bis fünf Metern.
Die besten Spots in False Bay
Miller's Point: Einer der besten Cowshark-Spots der Welt. Direkt an der M4 südlich von Simon's Town gelegen, ca. 15 Minuten Fahrt vom Stadtzentrum Simon's Towns. Der Parkplatz ist kostenlos, der Einstieg über einen steinigen Strand. In der Tiefe zwischen 12 und 25 Metern patrouillieren regelmäßig Kapkabeljau-Haie — die Notorynchus cepedianus, auch Cowshark oder Breitnasen-Siebensiemer genannt. Diese Haie sind drei bis vier Meter lang, absolut nicht aggressiv gegenüber Tauchern, und das Erlebnis, einen oder mehrere dieser Tiere auf Augenhöhe zu begegnen, ist schlicht außergewöhnlich. Beste Zeit: September bis Mai, besonders Oktober und November.
The Pinnacles (Miller's Point Gebiet): Felsformationen in 12 bis 20 Metern Tiefe, wenige Meter von Miller's Point entfernt. Die Pinnacles sind vertikale Riffstrukturen, die zu Tausenden von kleinen Fischen, Seeigeln, Oktopussen und — besonders spannend — Pyjama-Haien bevölkert werden. Cowsharks kommen hier ebenso vor. Das ist ein Tauchgang, der für mich zu den schönsten in Kapstadt gehört.
Smitswinkel Bay: Bekannt für die SAS Pietermaritzburg, ein 91 Meter langes ehemaliges südafrikanisches Kriegsschiff, das im Jahr 2000 absichtlich als künstliches Riff versenkt wurde. Der Wrack liegt in 18 bis 30 Metern Tiefe und ist hervorragend für Open-Water-Taucher zugänglich. Die Sicht hier ist oft besser als an anderen False-Bay-Spots, weil die Bucht relativ geschützt ist. (Mehr Details im Wrack-Artikel.)
Castle Rock: Felsig, vielfältig, und gut geeignet für Strand-Einstiege. Pyjama-Haie, Klipfisch, Oktopusse und gelegentlich Seenadeln sind hier zu finden. Moderater Schwierigkeitsgrad, geeignet für Einsteiger mit etwas Erfahrung.
Windmill Beach: Der ruhigste, einsteiger-freundlichste Spot in False Bay, direkt hinter dem Simon's Town Yachtclub. Flaches, sandiges Terrain, kaum Strömung, maximale Tiefe etwa acht Meter. Nicht spektakulär, aber perfekt für Wiedereinsteiger, Fotografie-Übungen oder Nacht-Tauchgänge (die Nudibranchen-Dichte ist nachts beeindruckend).
Partridge Point: Weniger bekannt, dadurch kaum besucht. Abseits von Simon's Town, erfordert eine lokalere Ortskenntnis für den Einstieg. Die Tierfülle ist dort hoch, und der Spot lohnt sich besonders an ruhigen Wochentagen.
Boulders Beach, Simon's Town: Kein Tauchen, aber ein unverzichtbares Erlebnis für Tierliebhaber: eine der wenigen frei zugänglichen Pinguinkolonien der Welt, mit tausenden Brillenpinguinen (Spheniscus demersus). Eintrittspflicht, ca. 200 ZAR, aber absolut lohnenswert als Halbtages-Ausflug rund um ein False-Bay-Tauchtag.
Atlantic Seaboard: Kälter, dramatischer, mit den schönsten Kelp-Wäldern
Der Atlantik an Kapstadts Westküste ist ein anderes Tier. Das Wasser ist kälter (10–14°C das ganze Jahr), die Bedingungen unbeständiger, und die Kelp-Wälder sind üppiger und dichter als auf der False-Bay-Seite. Dafür ist das Licht unter Wasser spektakulärer (der Atlantik ist klarer, wenn er ruhig ist), und du hast oft das Gefühl, in einem ganz anderen Land zu sein.
Oudekraal
Der Klassiker. Direkt an der M6 Richtung Hout Bay, mit einem kleinen Parkplatz neben dem Oudekraal Picknickbereich. Der Kelp-Wald beginnt direkt vor dem Strand und erstreckt sich bis etwa zwölf Meter Tiefe. Besonders schön an klaren Herbsttagen, wenn die Sicht 15 Meter überschreitet und das Licht durch den Baldachin bricht.
Clifton
Kapstadts berühmter Stadtbadestrand — aber darunter liegt ein interessantes Riff. Clifton ist kein typischer Tauchspot, aber als Ufer-Tauchgang mit erfahrenem Guide durchaus machbar. Eher für Einheimische und Fortgeschrittene, die etwas Ungewöhnliches suchen.
Camps Bay (Sandy Bay Reef)
Bootsbasiert, etwas weiter draußen. Sehr dichte Kelp-Strukturen, wenig besuchter Spot, ausgezeichnet für Fotografie. Koordination über einen Hout Bay Operator notwendig.
Direkt verglichen: Was passt zu dir?
Hier der ehrliche Vergleich:
- Du willst Haie sehen? → False Bay, Miller's Point oder The Pinnacles, September bis Mai.
- Du willst Kelp-Tauchen? → Atlantic Seaboard, Oudekraal oder Stone Steps.
- Du bist Einsteiger? → False Bay, Windmill Beach oder Castle Rock.
- Du willst Wracks? → False Bay, Smitswinkel Bay (SAS Pietermaritzburg).
- Du willst Robben sehen? → Hout Bay, Duiker Island (eigener Artikel).
- Du willst gute Sicht, auch wenn es windiger ist? → False Bay bietet mehr Windschutz.
- Du verträgst keine Kälte? → False Bay ist wärmer.
- Du hast wenig Zeit und willst das Beste? → Kombiniere: morgens False Bay für Haie, nachmittags Kelp-Tauchgang von Oudekraal (an ruhigen Tagen).
Logistik: Wie du zwischen beiden Seiten wechselst
Die Halbinsel ist kompakt, aber der Verkehr kann zäh sein. Von Simon's Town (False Bay) nach Oudekraal (Atlantik) über Chapmans Peak Drive dauert 45 bis 60 Minuten — eine traumhafte Fahrt, aber zeitaufwendig. Über den Weg durch die Kloofnek-Straße (City Bowl) sind es ähnliche Zeiten. Wenn du beide Seiten an einem Tag machen willst, plane realistisch und starte früh.
Ein Auto ist in Kapstadt fast obligatorisch für Taucher. Öffentlicher Nahverkehr erreicht die meisten Tauchspots nicht sinnvoll. Ein Mietwagen (ca. 350–600 ZAR pro Tag) ist die praktischste Lösung.
Häufige Fragen
Kann man beide Seiten an einem Tag tauchen?+
Technisch ja, aber es ist stressig. Der Weg von Simon's Town (False Bay) nach Oudekraal (Atlantik) dauert 45–60 Minuten. Wenn du zwei Tauchgänge pro Seite planst und die Fahrt dazwischen, ist das ein sehr voller Tag. Besser: je eine Seite pro Tag.
Warum ist False Bay wärmer als der Atlantik?+
Der Atlantik wird durch den Benguelastrom aus der Antarktis gespeist — sehr kaltes, nährstoffreiches Tiefenwasser steigt an der Westküste auf. False Bay ist eine geschlossene Bucht, die sich im Sommer stärker aufheizt und nicht direkt vom Benguelastrom durchflutet wird.
Welche Seite hat die bessere Sicht?+
Der Atlantik hat bei ruhigem Wetter oft die bessere Sicht (bis 20 Meter). False Bay ist durchschnittlich etwas schlechter, aber auch konsistenter — der Südostwind trübt den Atlantik stärker ein. Im Sommer ist die Algenblüte in False Bay ein Sichtkiller.
Gibt es Weiße Haie in False Bay beim normalen Tauchen?+
Weiße Haie leben in False Bay, besonders rund um Seal Island bei Gordons Bay. Beim normalen Sporttauchen an den bekannten Spots sind Begegnungen mit Weißen Haien extrem selten und praktisch nicht dokumentiert. Seal Island ist kein Tauchen-Ziel — das ist ein Käfig-Schauen von Booten aus, was eine komplett andere Aktivität ist.